Überblick

Diese Aktivität richtet sich an Lehrende. Sie ist Voraussetzung und Grundlage dafür, dass alle weiteren Aktivitäten zu Klimaemotionen wirksam sind, Wirkung entfalten und nicht zu weiteren Traumata oder Retraumatisierung führen. Sie umfasst den Erwerb von Wissen über das eigene emotionale und mentale Wohlbefinden und das der Lernenden. Zudem erfordert sie den Aufbau einer anderen Kultur im Umgang mit Emotionen im Klassenraum. Schließlich beinhaltet sie die Kartierung und Etablierung eines emotionalen Unterstützungssystems für Lehrende und Lernende als Bestandteil traumasensibler Praxis, um Sicherheit weiter zu stärken.

Lehrplanbezug

Fächerübergreifende & Globale Kompetenzen Diese Aktivität ist bereichsübergreifend und sollte frühzeitig praktiziert werden.

Aufgebaute Kompetenzen

Emotionsregulation, Innerer Kompass, Selbstreflexion, Traumasensible Führung

Vorbereitung

Kompetenzen/Aktivitäten, die die Lehrperson zuerst üben sollte

Schritte in dieser Aktivität

  1. Verstehen, wie Emotionen auf uns wirken
  2. Täglich Sicherheit für Lernende schaffen
  3. Ein emotionales Unterstützungssystem kartieren und etablieren

Schritt 1: Verstehen, wie Emotionen auf uns wirken 

  1. Machen Sie sich bewusst, dass wir in Gesellschaften leben, in denen nur wenige von uns befähigt sind, die eigenen Emotionen und die anderer ohne Schuld, Scham, Abkopplung und oft auch unbeabsichtigte Gewalt zu verstehen und darauf zu reagieren. Erlebt eine Person emotionale Überwältigung in Formen oder an Orten, an denen dies sozial nicht akzeptiert ist (z. B. in der Schule), fühlt sie sich vermutlich besonders isoliert oder wird sogar bestraft. Wichtig ist: Lernende wählen ihr Verhalten nicht immer bewusst – und es gibt andere Reaktionsweisen, als Verhalten über Strafe und Belohnung zu steuern. Das kann jedoch eine deutliche Umstellung Ihrer bisherigen Haltung und Praxis erfordern.
  2. Beginnen Sie damit, emotionale Achtsamkeit bei sich selbst zu üben, indem Sie sich immer wieder auf das Fenster der Toleranz beziehen. Fragen Sie sich: Wo bin ich gerade? Nähere ich mich den Rändern der grünen Zone? Weiß ich, was mir hilft, mich selbst zu regulieren, wenn ich in Zustände von Übererregung (Hyperarousal) oder Untererregung (Hypoarousal) gerate? Beachten Sie: Das Fenster der Toleranz ist bei Menschen, die bereits Belastungen wie Armut, Diskriminierung, Marginalisierung, fehlende Neuroinklusion oder belastende Kindheitserfahrungen erlebt haben, häufig von vornherein verengt. Siehe dazu auch Aktivitätskarte 1.1.2, um an Ihrem eigenen Fenster der Toleranz zu arbeiten. 
Quelle: Dan Siegel
  1. Lernen Sie, die Zustände Ihrer Lernenden wahrzunehmen. Weinen kann ein sichtbares Zeichen von Belastung sein, doch Emotionen zeigen sich auf viele Arten.
    • Beachten Sie: Lernende, die extrem ruhig und angepasst wirken, können tatsächlich eine Dysregulation in Form von Hypoarousal erleben und sich als Folge abschalten.
    • Beachten Sie: Lernende, die überreagieren, fluchen oder zu spät kommen, können ebenfalls dysreguliert sein – hier als Hyperarousal. Dieses Verhalten kann ein Zeichen von Not sein, nicht von Ungehorsam oder oppositionellem Trotzverhalten.here are other ways of expressing emotions.
  2. Lernen Sie, Anzeichen von Traumata zu erkennen. Ein Trauma ist ein einmaliges oder anhaltendes Erleben von Unsicherheit/Unsicherheitserleben, fehlender Unterstützung und Hilflosigkeit in der Situation. Es ist, als würde ein Teil des Nervensystems einfrieren; dadurch kann eine im Körper „eingefrorene“ Erinnerung entstehen. Tritt ein Auslöser auf, wird die betroffene Person in den damaligen Überlebenszustand zurückversetzt. In diesem veränderten Zustand hat der/die Lernende keine Wahl, wie er/sie sich verhält. Solches Verhalten darf nicht bestraft, nicht als „falsch“ etikettiert und nicht abgetan werden.
  3. Ein neurodivergenter Meltdown oder Shutdown kann wie eine Traumareaktion wirken, hat aber andere Ursachen – meist sensorische Überlastung, überwältigende Situationen oder Schwierigkeiten in der Emotionsregulation. Wird dies wie eine Traumareaktion behandelt, kann sich ein neurodivergentes Kind schnell missverstanden fühlen. Nach einer Phase der Dysregulation können Sie die betroffene lernende Person fragen, ob sie sich sicher fühlt, etwas zu den Auslösern zu sagen. Das kann helfen, für neurodivergente Kinder und Jugendliche mehr Sicherheit im Lernumfeld zu schaffen.
  4. Machen Sie sich klar: Wenn (Klima-)Emotionen nicht angesprochen werden, verschwinden sie nicht – sie gehen unter die Oberfläche. Damit schaffen Sie Bedingungen, unter denen Traumata entstehen können, nämlich fehlende Unterstützung. Ebenso fördern Sie unter Umständen Mobbing: Weint ein Kind, könnten andere lachen, weil nicht grundgelegt wurde, dass eine emotionale Reaktion auf belastende Informationen in Ordnung ist. Um das Traumarisiko zu verringern, ist es entscheidend, dass Lernende Sicherheit erfahren, sich äußern dürfen und spüren, dass sie wichtig sind. 

Schritt 2: Täglich Sicherheit für Lernende schaffen 

  1. Schaffen Sie durch regelmäßige kleine Gesten eine Kultur der Sicherheit im Klassenraum. Um Klimaemotionen und Traumata gut begegnen zu können, achten Sie als Lehrkraft bewusst auf nicht-traumatische Alltagsbelastungen Ihrer Lernenden und erkennen Sie diese an. Das stärkt Sicherheit, Zugehörigkeit und Würde – und baut Kompetenzen auf, die wesentlich sind, um den Auswirkungen des Klimawandels zu begegnen.
  2. Tägliche individuelle Wertschätzung: Signalisieren Sie jedem Kind, dass es gesehen wird. So wissen Lernende im Belastungsfall, dass Ihnen etwas an ihnen liegt und Sie sie bei der Ko-Regulation des Nervensystems unterstützen können:
    1. Begrüßen Sie jedes Kind warm – unabhängig davon, was am Vortag war.
    2. Blicken Sie beim Durchgehen der Anwesenheitsliste auf, nennen Sie den Vornamen und bedanken Sie sich.
    3. Merken Sie sich die Namen aller Kinder und würdigen Sie sie, wenn Sie ihnen auf dem Flur begegnen.
  3. Ausdruck von Gefühlen ermöglichen: Rechnen Sie damit, dass belastende Informationen Emotionen auslösen – und dass Reaktionen unterschiedlich ausfallen. Weinen kann eine sehr angemessene Reaktion sein. Wenn ein Kind Gefühle zeigt, ist das Wirksamste, egal auf welchem Stress-, Belastungs- oder Traumalevel, ihm mit authentischer Freundlichkeit zu begegnen. Die Skripte (1.1.3) können helfen, Emotionen zu antizipieren oder darauf zu reagieren. Beachten Sie: Die Wärme Ihrer Präsenz und der Tonfall Ihrer Stimme sind wichtiger als die exakten Worte.
  4. Vielfältige Ausdrucksweisen anerkennen: Kinder zeigen Emotionen unterschiedlich – je nach Neurodiversität sowie bisherigen und aktuellen Erfahrungswerten mit Traumata und Unterstützung. Das gilt selbstverständlich auch für Lehrende: Unsere unterschiedlichen Bedürfnisse verschwinden nicht im Erwachsenenalter. Berücksichtigen Sie dies, wenn Sie Praktiken für sich und Kolleg*innen anpassen.
  5. Bleiben Sie dran: Knüpfen Sie an, wenn ein Kind Ihnen Belastung gezeigt hat – das stärkt Sicherheitsgefühl und Verbundenheit. Denken Sie daran: Wärme und zugewandte, freundliche Fürsorge sind die wichtigste Grundlage zur Prävention und Bewältigung von Traumata.

Schritt 3: Ein emotionales Unterstützungssystem kartieren und etablieren

  1. Beginnen Sie bei sich selbst als Lehrkraft mit einer Selbstreflexion:
    1.  Wissen Sie, wie Sie Ihre Emotionen regulieren und – falls vorhanden – mit eigener Belastung umgehen können?
    2. Verfügen Sie über ein Unterstützungssystem für den Fall, dass Selbstregulation nicht funktioniert und/oder um den Druck zur ständigen Selbstregulation zu verringern?
      1. Nehmen Sie an Klimacafés, Klimakreisen oder Trauerkreisen teil?
      2. Haben Sie Freund*innen oder Familienangehörige, die Ihnen helfen können, Ihre Emotionen zu sortieren?
      3. Konsultieren Sie – falls nötig – eine klimabewusste therapeutische Fachperson?
      4. Pflegen Sie weitere kollektive Care-Praktiken für Ihr emotionales und mentales Wohlbefinden?
    3. Haben Sie einen Plan zur Selbstfürsorge für Ihr langfristiges emotionales Wohlbefinden?
    4. Wissen Sie, an wen Sie sich bei einer emotionalen oder psychischen Akutsituation wenden können – am Arbeitsplatz wie außerhalb?
    5. Wissen Sie, ob Ihre Schule/Organisation Richtlinien, Initiativen oder Unterstützungsangebote für Ihr emotionales/mentales Wohlbefinden bereithält? Nutzen Sie diese?
    6. Wie fühlen Sie sich in Bezug auf die Klimakrise?
  2. Kartieren Sie Ihr bestehendes Unterstützungssystem, indem Sie die obigen Fragen beantworten, und identifizieren Sie Lücken, zu denen Sie Informationen einholen oder neue Ressourcen für sich – und vermutlich auch für andere Lehrende an der Schule – schaffen müssen.
  3. Halten Sie Ihre Kartierung aktuell und investieren Sie in Ihr Unterstützungssystem – u. a. indem Sie Ihren eigenen Plan zur Selbstfürsorge umsetzen.
  4. Kartieren Sie das derzeit für die Lernenden verfügbare Unterstützungssystem, z. B. mit folgenden Fragen:
    1. Welche Ressourcen stehen ihnen über die Schule/Organisation zur Verfügung – etwa vertrauenswürdige Ansprechpersonen oder sichere Räume, in die sich Lernende begeben können?
    2. Dürfen Kinder und Jugendliche – insbesondere neurodivergente – den Klassenraum verlassen (z. B. auf den Schulhof), um eine akute emotionale Phase „abzulaufen“, statt stillsitzen zu müssen, bis es klingelt? Die Möglichkeit zu dieser Praxis ist für die Unterstützungskartierung neurodivergenter Kinder zentral.
    3. Kennen die Lernenden diese Ressourcen? Nutzen sie sie? Wenn nicht: Was hindert sie daran?
    4. Gibt es externe, kostenlose und/oder leicht zugängliche Hilfsangebote, die Lernende in einer Krisensituation kennen sollten? Sind diese den Lernenden bekannt bzw. in der Schule leicht zu finden?
  5. Machen Sie die verfügbaren Unterstützungsangebote für Lernende gut sichtbar, damit sie im Bedarfsfall schnell darauf zugreifen können. 

Was tun – was vermeiden?

Tun

  • Pflegen Sie täglich kleine Praktiken, um mit Ihrer Lerngruppe eine neue Kultur von Sicherheit und Verbundenheit aufzubauen. Das erfordert weder viel Zeit noch große Gesten, macht aber einen enormen Unterschied. Es kann sich anfangs ungewohnt anfühlen, wenn es der üblichen Schulkultur widerspricht. 

Vermeiden

  • Unterschätzen Sie nicht den Widerstand, den Sie bei sich selbst und bei Kolleg*innen spüren können, wenn Sie mit Emotionen zu arbeiten beginnen.
  • Gehen Sie nicht davon aus, dass eigene Fürsorge entfallen kann, sobald Sie sich um andere kümmern.

Anpassungen

Wir laden Sie stets ein, diese Aktivität an die Bedürfnisse Ihrer Lernenden anzupassen, einschließlich unter Berücksichtigung ihrer Neurodiversität. Beim Anpassen von Tools und Aktivitäten für neurodivergente Lernende gilt: Es geht nicht darum, andere so zu behandeln, wie Sie behandelt werden möchten, sondern so, wie sie behandelt werden möchten. Fragen, zuhören und offen bleiben für unterschiedliche Wege des Lernens und der Beteiligung.

Quellen

Diese Aktivitätskarte wurde unter der fachlichen Begleitung von Jo Mc Andrews (Climate Psychology Alliance) in Dialog mit One Resilient Earth entwickelt.  

Allgemeine Informationen

  • Altersgruppe: 6+
  • Dauer: Kurz (weniger als 45 Minuten), Ein oder zwei Unterrichtseinheiten (ca. 45-90 Minuten), Längere Projekte
  • Gruppengröße:

  • Schwierigkeitsgrad: Grundlegend

  • Material/Raum:
  • Ort: Beliebig

  • Einbindung externer Stakeholder: Ja.